Station VI: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Sieger Köder, Jesus wird seiner Kleider beraubt. X. Station
Kreuzweg in der Kirche St. Stephanus in Wasseralfingen
© Sieger Köder-Stiftung Kunst und Bibel, Eilwangen
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Ich lasse zunächst einmal das Bild auf mich wirken.

Was sehe ich?

Was löst es aus in mir?

Zur weiteren Betrachtung:

Vor der verfinsterten Sonne steht der nackt zur Schau gestellte Jesus. Auch er muss über sich ergehen lassen, was bei den Römern vor einer Kreuzigung üblich war – die Entblößung. Letzte Beraubung der Würde der Todeskandidaten.

Wir sehen, wie sein „Leibrock“ in vier Teile zerrissen wird.

Sieger Köder zeigt uns, wie ein orthodoxer Priester, ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer Bischof und ein Revolutionär, jeweils an einer Ecke ziehen, um ein Stück für sich zu gewinnen.

Jeder zieht in seine Richtung – das lässt ein Kreuz entstehen.

Die Soldaten wollten den Leibrock aufgrund seiner Kostbarkeit nicht zerteilen, sondern das Los darüber werfen.

Der Künstler zeigt uns etwas anderes. Hier wird die „Einheit“ zerteilt von Männern der Kirche. „Jünger Jesu“ verkennen scheinbar die Kostbarkeit der Einheit – sie sehen einander nicht, jeder ist mit „seinem Stück“ von Jesu Rock beschäftigt. Mit dem Anteil, den er von Jesus haben will.

Sieht denn niemand auf den Entblößten in ihrer Mitte? Auf den nackt zur Schau gestellten Mensch aus Fleisch und Blut?

Jesus wollte kein Nebeneinander sondern ein Füreinander und Miteinander.

Er sah die Gedemütigten, Bedrängten und von anderen Bloßgestellten und gab ihnen Würde und neuen Mut.

Er betete für die Einheit im Glauben und das Einssein in der Liebe seiner Nachfolger, damit die Liebe Gottes in den Menschen erkennbar werde.

Theo Schmidtkonz interpretiert die Sonnenfinsternis um Jesu Haupt als „Gottesfinsternis“.

Gottesfinsternis als Folge von Habsucht und Beziehungslosigkeit?

Jesus Christus, du gehst den Weg der Menschen.

Du siehst die Gedemütigten und die ihrer Würde Beraubten. Du schenkst ihnen Ansehen, richtest sie auf und gibst ihnen ein neues Wertgefühl.

Vergib uns, wo wir zu sehr mit „Sachen“ beschäftigt sind, die wir von dir für uns beanspruchen, anstatt Dich selbst dahinter zu sehen.

Mache uns achtsam dafür, dass wir in den Menschen, die ihrer Menschlichkeit und Würde beraubt worden sind, auch dich erkennen.

Lass uns erfahren, dass wir alle Eins sind und stärke unser Miteinander und Füreinander, damit Dein Licht und deine Liebe unter uns leuchten können.


Kreuzwegstationen in der Passionszeit

Wir möchten euch in der Passionszeit einladen auf einen meditativen Kreuzweg.

Die einzelnen Stationen lassen uns innehalten, um über das Geschehen auf diesem Weg nachzusinnen und vielleicht ganz eigene Erfahrungen damit zu machen.

An jedem Mittwoch bis einschließlich 31.03. wird dies möglich sein.

Die Bilder hat Sieger Köder gemalt. Die Texte hat Ursel Schneider entworfen in Anlehnung an Interpretationen von Theo Schmidkonz.

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